Lichterfelde: Erinnerungsorte für einen Flugpionier

Berlin \ Steglitz-Zehlendorf \ Lichterfelde – Wir sind im Süden Berlins, in Lichterfelde. Unser Aktionsradius reicht vom Teltowkanal (Eduard-Spranger-Promenade) bis zum Lilienthalpark nahe der Stadtgrenze.

Denkmal und Erinnerungsort für Flugpionier Otto Lilienthal – Wir haben das Lilienthaldenkmal (Ikarus-Skulptur direkt am Teltowkanal) und den Lilienthalpark (auf dem Gelände einer ehemaligen Tongrube, wo ein „Fliegeberg“ aufgeschüttet war) besucht.

November 2021 – Dieser Herbst steht ganz im Zeichen der Corona-Pandemie. Die vierte Infektionswelle läuft, verschärfte Maßnahmen sind in Vorbereitung. An der Grenze zu Polen versuchen von Belorussland aus Tausende Migranten in die Europäische Union zu gelangen.

Otto Lilienthal war noch kein Thema, als wir über ein Ausflugsziel für den Sonntag nachdachten. Regen war ein Stichwort. Der Tag war von ergiebigen Schauern durchsetzt und wir wollten lieber in der Nähe bleiben, um zur Not flexibel umdisponieren zu können. Wieder einmal an den Teltowkanal? Den kennen wir gut und haben zwischen Griebnitzsee und Teltow-Seehof schon jeden Uferweg erkundet. Folgen wir ihm heute also ein Stück weiter nach Berlin hinein. Auf nach Lichterfelde.

An der Königsberger Straße, kurz vor der Brücke über den Teltowkanal, fanden wir einen Parkplatz und mussten erst einmal warten, bis der nächste Wolkenbatzen seine Regenlieferung zugestellt hatte. Dann war der Himmel frei und die Pfützen auf dem Uferweg, der hier eine Promenade durch eine große Grünanlage ist, wurden zusehends kleiner. Eigentlich ist es ein Park, mit alten Bäumen, Grasflächen und Wegen, immer am Teltowkanal entlang. Wir waren überrascht, wie weitläufig das Gelände ist, das bleibt dem rasch Vorüberfahrenden von der Straße aus verborgen. Ein schöner Spazierweg entlang einer breiten Allee: Gleich in der ersten Ecke steht eine rekonstruierte Treidellok, ein paar Schritte weiter gibt es einen Spielplatz, auf der Parkwiese stehen die Fangkörbe eines Disc-Golf-Parcours. Dann das Lilienthal-Denkmal, die Bäkebrücke als Abzweig zurück in die Stadt, und weiter durchs Grüne, am überdachten Tanzpavillon vorbei, bis zur Krahmerstraße. 

Der Weg heißt heute Eduard-Spranger-Promenade, nach einem verdienten Berliner Geisteswissenschaftler, doch ursprünglich wurde der gesamte Park entlang des Teltowkanals einzig zur Präsentation des Lilienthal-Denkmals in seiner Mitte angelegt. Es wurde 1914 enthüllt und vom Künstler Peter Breuer gestaltet.

Blickfang ist die bronzene Ikarusfigur auf einem pyramidenartigen Sockel: ein nackter Jüngling, der mit den Armen die an seinem Rücken befestigten Flügel ausbreitet und mit erhobenem Kopf sehnsuchtsvoll in den Himmel blickt. Er symbolisiert den Menschheitstraum vom Fliegen und ist, weil er in der griechischen Sage mit seinen von Wachs zusammengehaltenen Schwingen der Sonne zu nah kam und zerschellte, gleichzeitig ein Fingerzeig auf das tragische Schicksal Lilienthals. Ein eindrucksvolles Kunstwerk, das auch nach mehr als einhundert Jahren kraftvoll und dynamisch wirkt. Schäden, die ihm Krieg, Vandalismus und der Zahn der Zeit zufügten, wurden bei der letzten Restaurierung im Jahre 2012 beseitigt und zerstörte Elemente, wie der Portraitkopf Lilienthals am Sockel, rekonstruiert.  

Otto Lilienthal, 1848 in Anklam geboren, lebte von 1886 bis zu seinem Tod 1896 in Lichterfelde. Sein Wohnhaus gibt es nicht mehr, aber seinen Fliegeberg, von dem aus er seine Flugapparate testete. Fliegeberg ist eine hübsche Wortschöpfung, finde ich. Nachdem wir vom Denkmal am Teltowkanal so angetan waren, wollen wir natürlich auch zum Fliegeberg im Lilienthalpark.

Der Lilienthalpark befindet sich zwei Kilometer weiter südlich auf dem Gelände einer ehemaligen Tongrube. Davon ist heute natürlich nichts mehr zu sehen. Otto Lilienthal hatte hier aus dem Abraum der Ziegelei Heinersdorf seinen Fliegeberg aufschütten lassen. Der Hügel war 15 Meter hoch und damals noch nicht von Bauten umgeben, sodass Lilienthal hier ungestört mit seinen Fluggeräten experimentieren konnte. Schon bald wurden aber höhere Startplätze für längere Flüge nötig und Lilienthal verlegte seine Versuche nach Stölln, wo er 1896 abstürzte und sich tödlich verletzte. Bereits kurz nach seinem Tod wurde begonnen, das Areal um seinen ersten Fliegeberg in einen Gedenkpark umzugestalten.

Vor dem Berg wurde ein rechteckiges Bassin angelegt, das vermutlich die Flugstrecke der Gleiter markiert. Die seitlich gelegene ehemalige Tongrube wurde zum Karpfenteich. Ab 1928 entstand auf dem Hügel das Säulenrondell mit einer bronzenen Weltkugel in der Mitte. Die Weltkugel teilte im Zweiten Weltkrieg das Schicksal vieler Kirchenglocken und wurde eingeschmolzen. Danach verwilderte der Park, eine spätere Sanierung brachte eine Steinkugel als Platzhalter, bis endlich 1990 wieder ein bronzener Globus das Ensemble komplettierte.

Genau hier hatte Otto Lilienthal also seine Flugapparate optimiert, nachdem er 1881 erstmals mit einem Gleiter 25 Meter weit geflogen war. Mit Doppeldeckern, Flügelschlag-, Gleit- und Segelapparaten versuchte er, die beste Lösung zur Nachahmung des Vogelfluges zu finden. Tausende Male setzte er auf dem Fliegeberg zum Sprung an und hielt sich dabei bis zu 80 Metern weit in der Luft. An seine Experimente und Erkenntnisse knüpften damals alle namhaften Pioniere der Luftfahrt direkt an. Mit Lilienthal begann für die Menschheit das Zeitalter des Fliegens. Man muss nicht auf der Spitze des Fliegeberges in Lichterfelde stehen, um zu spüren, was für eine atemberaubende Entwicklung das auslöste. Innerhalb weniger Jahrzehnte hatte sich der Motorflug etabliert, wurden Flugzeuge als Transporter und Kriegsgerät genutzt, durchstießen Jets die Schallmauer. Gerade einmal gut 120 Jahre nach Lilienthal ist es für uns selbstverständlich, mit dem Flieger in die Ferien zu düsen. 2019 hieß es, rund um die Welt und rund um die Uhr befänden sich ständig mehr als eine Million Menschen mit Flugzeugen in der Luft. Und das alles, weil Lilienthal ein Leben lang beharrlich an der Verwirklichung seiner Vision tüftelte und sie unter anderem hier, von einem schlichten Hügel aus, Wirklichkeit werden ließ – allen Fehlschlägen, Zweiflern und Spöttern zum Trotz.

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