Lindow: Von Seen umringt

Hier sind wir: Lindow (Mark) ist eine Kleinstadt im Ruppiner Wald- und Seengebiet zwischen Herzberg und Rheinsberg. Nach Neuruppin sind es 18 km, Berlin ist etwa 70 km entfernt.
Land Brandenburg, Kreis Ostprignitz-Ruppin

Das gibt es zu sehen: Lindow ist ein staatlich anerkannter Erholungsort inmitten von von Seen und Wäldern, mit Klosterruine und barocker Pfarrkirche.

Zeitstempel: Juli 2021

Lindow ist an einem Sommertag das perfekte Ziel für einen Tagesausflug in die Natur. Wir wissen bereits: Grün gibt es reichlich – die Wälder sind tief, die Wiesen zahlreich und meist führen die Wege letztlich an einen See. Lindow hat drei davon direkt vor seiner Tür und weil sie so nahe beieinander sind, kann, wer will, am selben Tag am Vielitzsee angeln, im Gudelacksee schwimmen und auf dem Wutzsee Tretboot fahren. Beim Wechsel der Seeufer sind nicht einmal Extraschritte nötig, um im Klosterblick Mittag zu essen und sich auf dem Markplatz einen Eisbecher zu gönnen. Es geht immer mitten durch die kleine Stadt.

Wir haben einen weiteren schönen Sonntag hier verbracht, ausgiebig gebadet und Amelie einen Besuch abgestattet. Sie steht versteinert im Ufersaum des Wutzsees und wendet den Resten des Klosters den Rücken zu. Die Skulptur erinnert an eine Legende aus der Zeit, als das Zisterzienserinnenkloster noch in höchster Blüte stand:

Amelie war die hübsche Tochter reicher Edelleute. Ein Bauernjunge verliebte sich in sie und Amelie sich in ihn. Diese nicht standesgemäße Beziehung wollten die adligen Eltern unbedingt verhindern und steckten ihr Kind ins Kloster Lindow. Amelie wurde eine unglückliche Nonne und dachte unentwegt an ihren Liebsten. Auch den Jüngling ließ die Sehnsucht nicht los und deshalb schlich er sich nachts an die Klostermauer und kratzte Ziegel heraus, bis der Weg für die Flucht frei war. Gemeinsam mit seiner Amelie verschwand er über den Wutzsee auf Nimmerwiedersehen. Bis auf den heutigen Tag ist ungewiss, ob sie ihr Glück fanden oder in den Sümpfen rings um den See versunken sind. Es heißt, manchmal um Mitternacht kann man bei den Klosterruinen ein Kratzen und Schaben hören.

Mit der wärmenden Sonne im Nacken und dem fröhlich klappernden Rad der Klostermühle zur Seite, tippe ich auf ein Happy End für Amelie und ihren Liebsten. Ein Köhler im Wald wird sich ihrer angenommen haben. Wenn da nachts jemand kratzt, dann ist es der Geist eines Neiders, der für seine Missgunst büßt.

Wir gehen noch ein paar Schritte am See entlang und halten nach Seerosen Ausschau. Dann ist der Sonntag um.

Zeitstempel: Juli 2020

Theodor Fontane war oft und gern in Lindow. In seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ schrieb er: „Lindow ist so reizend wie sein Name. Zwischen drei Seen wächst es auf, und alte Linden nehmen es unter ihren Schatten.“ Hübsch gesagt. Die Stadtmitte rückt auf dem schmalen Landstreifen zwischen Gudelack- und Wutzsee zusammen. Ich schätze, an der Engstelle ist er kaum 300 Meter breit. Lindow ist wirklich nicht groß, anderswo haben Dörfer mehr Einwohner, doch die Region hier ist dünn besiedelt und das hat Einfluss auf die Proportionen. Außerdem ist vorhanden, was eine Stadt braucht: Rathaus und Marktplatz. Und Lindow ist Erholungsort. Der Besucher kann wählen, ob er auf dem Campingplatz, in einer Ferienwohnung oder im Hotelbett übernachtet. An Infrastruktur ist alles da, was Urlauber zwischen Frühstücksbrötchen und Abendkarte an Dienstleistungen brauchen und wünschen. Das Stadtbild ist, sagen wir mal, arm an Höhepunkten. Diesen Mangel an Sehenswertem macht die umgebende Natur jedoch mehr als wett. Die Wege rund um die Seen sind idyllisch, die Wälder weitläufig. Beste Bedingungen zum Durchatmen.

Wir wollen uns als Erstes das Kloster anschauen, besser gesagt, die Reste davon. Es wurde im 13. Jahrhundert von den Zisterziensern als Nonnenkloster gegründet und ist älter als die Stadt. Vermutlich zog das wachsende Kloster die Ansiedlung von Bauern und Handwerker nach sich und der Ort Lindow entstand. Die Nonnen wirkten sehr nachhaltig und mehrten ihren Besitz. Viele Wälder, Seen, Ländereien und Dörfer der Umgebung gehörten dem Kloster und kurz vor der Reformation, Anfang des 16. Jahrhunderts, zählte Lindow zu den reichsten Klöstern der Mark. Nach dem Wechsel zum lutherischen Glauben wurde es ab 1542 zu einem evangelischen Damenstift – und der Zenit der Erfolgsgeschichte war überschritten. Das endgültige Aus für die Klosteranlage kam mit dem Dreißigjährigen Krieg. Die kaiserlichen Truppen fielen in Lindow ein. Die Stadt, das Kloster und mit ihnen die kostbare Bibliothek der Nonnen und alle stadtgeschichtlichen Dokumente gingen in Flammen auf. Die Mauern barsten und von den einst stolzen Bauten blieben nur Giebel- und Mauerreste zurück. In der Folgezeit wurden die Ruinen als Steinbruch genutzt, so ließ zum Beispiel auch der Große Kurfürst für den Bau von Schloss Oranienburg hier Ziegel holen.

Es sind Ruinen und die Nachfahren alter Wirtschaftsgebäude, die heute nur sehr fragmentarisch an die Glanzzeiten des Klosters erinnern. Die aufragenden Giebelmauern erinnern an Größe und Glanz, die Flächen zwischen den Fundamenten sind beräumt und gesichert. Wo einst das Konvent war, finden heute unter freiem Himmel kulturelle Veranstaltungen statt. Wir schlendern über den Friedhof der Stiftsdamen und Diakonissen und gehen zum See hinunter. Ein Uferweg führt von hier in die parkartige Anlage zurück.

Um noch einmal auf Fontane zurückzukommen: Auch er, selbstredend, kannte Kloster Lindow nur als Ruine und mochte die Gegend um den Wutzsee. 1873 soll er in einem Brief an seine jüngste Schwester von einem Moment auf dem Klosterfriedhof berichtet haben:

„Und auf einem dieser Grabsteine stand ich und sah in die niedersteigende Sonne, die dicht vor mir das Kloster und die stillen Seeflächen vergoldete. Es war ein Blick in Licht und Frieden.“

Theodor Fontane an Elise Fontane

Das traumhaft am See gelegene Kloster Lindow nutzte Fontane als Vorbild für das Kloster Wutz, das in seinem berühmten Roman „Der Stechlin“ beschrieben wird.

Neben den Klosterruinen gibt es einen „Garten des Buches“. Er wurde erst 2019 eröffnet und soll nicht unerwähnt bleiben. Er ist als interreligiöser Schaugarten konzipiert und hat ein begehbares Labyrinth als Zentrum, das den Weg des Lebens symbolisiert. Gesäumt wird er von etwas siebzig Pflanzenarten, die in Tanach, Bibel und Koran, also den heiligen Büchern dreier Weltreligionen, erwähnt werden. So soll auf Verbindungen und Gemeinsamkeiten zwischen Judentum, Christentum und Islam verwiesen werden. Schautafeln erläutern jeweils den religiösen Kontext und helfen dem einfach nur kulturell Interessierten auf die Sprünge. Eine interessante Sache, die bestimmt noch eindrucksvoller sein wird, wenn die Pflanzen eines Tages groß und kräftig sind.

Es ist ein langer Text geworden, ich bin selbst überrascht. Dann noch schnell zweit Sätze zur Abschlussrunde. Nach unserem Spaziergang am Kloster sind wir, an der Klostermühle und der Skulptur der Nonne Amelie vorbei und geradewegs über den Marktplatz, zum Gudelacksee gegangen. Eigentlich wollen wir hier, jenseits der Bahnlinie am Yachthafen, irgendwo einkehren, doch das Gasthaus an der Badestelle hat zu und in der Seeperle ist eine geschlossene Gesellschaft. Also tippeln wir zurück zum Wutzsee und setzen und in den Klosterblick. Eine gute Wahl, denn der Name ist Programm: Unser Tisch steht im Restaurantgarten unter alten Bäumen und wir haben einen zauberhaft von Zweigen verhangenen Blick über den See zum Kloster hinüber.

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