Lanzarote: Zwischen den Kratern der Feuerberge

Hier sind wir: Der Nationalpark Timanfaya im Südwesten der Kanareninsel Lanzarote ist über 50 km² groß und hat ein Besucherzentrum in seiner Mitte und ein Nationalparkzentrum an seinem nördlichen Rand.
SpanienKanarische Inseln.

Das gibt es zu sehen: Im Gebiet des Nationalparks entstanden bei den Vulkanausbrüchen vor 300 Jahren 32 neue Krater. Der Vulkanismus ist hier bis heute allgegenwärtig und kann bei Bustouren besichtigt und am Besucherzentrum hautnah erlebt werden.

Zeitstempel: Juni 2018

Die Feuerberge heißen auf spanisch: Montañas del Fuego. Sie stehen heute auf unserem Programm und sind, von ihrer Entstehungszeit her, die jüngsten Vulkane der Insel. Die von den heftigen Eruptionen vor knapp 300 Jahren betroffenen Gebiete bilden heute den Nationalpark Timanfaya. Timanfaya ist der Name eines der Dörfer, die von der Lavawalze begraben wurden. Wo einst Häuser und Felder waren, deckt seither eine unüberschaubare Fläche aus Felsen und Geröll die Landschaft zu. Mitten hindurch führt die Straße, schnurgerade auf die mächtigen Vulkankegel zu. Sie versinkt regelrecht in der Landschaft, denn die Fahrbahn wurde tief in die Schlacke gefräst und macht sie zu einem flankierenden Wall. Und wir, wie das Fahrzeug weit vor uns, sind ein verloren wirkender Punkt in dieser uferlosen Einöde. Der Teufel ist das passende Symbol für diese Gegend. Das also bleibt zurück, wenn el Diablo das Höllentor öffnet, den Boden bersten und die Erde brodeln lässt. Und alle wissen: Er ist nicht verschwunden, er schläft nur gerade. Hin und wieder macht er sich mit einem Grummeln bemerkbar, wenn er sich tief im Bauch der Erde auf die andere Seite dreht.

Wir sind am Morgen zeitig aufgebrochen, um nicht in den großen Ansturm der Bustouren zu geraten. Doch wir sind nicht die einzigen mit diesem Plan. An der Zufahrt zum Besucherzentrum des Nationalparks herrscht bereits reger Andrang. Was wir zunächst für einen Stau halten, erweist sich als sehr sinnvolle Warteschlange. Die Straße für die letzte Etappe den Vulkanberg hinauf ist so schmal, dass der Verkehr wechselseitig geregelt werden muss. Anstelle eines Schotter- oder Randstreifens geht es neben der Fahrbahn direkt ins Geröll, das eine gute Handbreit tiefer lauert. Abenteuerlich klein wirkt auch der Parkplatz am Ziel, doch sofort nehmen uns Einweiser in Empfang und dirigieren mit routinierten Handbewegungen das Chaos. Einfach bis zur Lücke folgen, Handbremse anziehen, aussteigen, fertig. Das geht flink. Und bevor wir uns noch grob orientieren können, greift der nächste Service. Wir werden direkt zu einem bereitstehenden Bus geleitet: „Entra por favor. Bitte einsteigen.“ Beginnen wir also mit einer Rundfahrt, sie ist im Ticketpreis inklusive.

Die Teilnahme an der Bustour, wird uns erklärt, ist die einzige Möglichkeit, die Kraterwelt des Nationalparks zu erkunden. Der verständliche Grund: Die Strecke ist lang, windet sich um die Vulkankegel, führt in luftige Höhen, passiert schmale Furten und nähert sich steilen Abgründen. Das ist nur etwas für wirklich versierte Fahrer. Vor der Abfahrt glauben wir es, danach können wir es unterschreiben. Die Rundfahrt wird in jeder Hinsicht atemberaubend. Unterwegs werden wir über die Buslautsprecher mit Anekdoten und Infos versorgt. Während vor dem Fenster die Vulkankrater langsam vorbeigleiten, hören wir zu: Drei Viertel der Insel Lanzarote sind von Lava bedeckt, rund 100 Vulkane haben über 300 Krater gebildet. Sechs Jahre dauerten die letzten Ausbrüche im 18. Jahrhundert, dutzende neue Krater entstanden und transportierten acht Millionen Kubikmeter Eruptivmaterial aus dem Bauch der Erde. Noch heute beträgt hier die Bodentemperatur nur wenige Meter unter der Oberfläche mehrere hundert Grad. Die sachlich aufgeführten Daten und Fakten im Ohr und die fremdartigen Farben und Formen vor Augen, verbreitet sich eine verstörende Atmosphäre. Mystische Musik verstärkt den Eindruck, durch eine surreale Welt zu schweben, eine Mondlandschaft oder eine Fantasiewelt, die durch einen dunklen Zauber versteinert wurde. Unsere Blicke wandern über ein Meer aus Lavawellen die aschebraunen Vulkanhänge hinauf und dann wieder hinab in Kraterrachen.

Das mitten in der Bewegung erstarrte Gestein macht es leicht, sich vorzustellen, wie es sich als zähe, glühende Masse damals vorwärtswälzte. Der Pfarrer aus Yaiza brauchte keine Fantasie. Er war Augenzeuge und hat in seinem Tagebuch festgehalten, was am Abend des 1. September 1730 geschah. Wir hören zu, während der Bus zwischen zwei schwarzen Lavafelsen hält, zwei versteinerten Wogen, die ganz nah Fensterscheiben heranreichen.

„Ein gewaltiger Berg bildete sich bereits in der ersten Nacht und Flammen schossen aus seinem Gipfel. Wenige Tage später brach ein neuer Schlund auf … Die Lava floss nach Norden, anfangs wie sprudelndes Wasser, später zähflüssig wie Honig. Doch am 7. September stieg mit unheilvollem Donnern ein riesiger Fels aus der Tiefe und zwang die Lava dazu, ihren Fluss nach Westen und Nordwesten zu wenden. Dort zerstörte sie die Orte Maretas und Santa Catalina. Am 11. September erneuerte sich die Gewalt der Lava. Sie bedeckte und verbrannte das Dorf Mazo und stürzte danach acht Tage lang als feuriger Katarakt unter furchtbarem Tosen ins Meer, so dass tote Fische in riesigen Mengen an der Oberfläche schwammen oder ans Ufer geworfen wurden.“

Augenzeugenbericht Andrés Lorenzo Curbelo (1730)

Viele der Inselbewohner waren damals nach Gran Canaria geflüchtet und konnten nicht ahnen, dass die Eruptionen noch über Jahre weitergingen. Ein Mensch ist klein angesichts solcher Naturgewalten. Gefühle der Wehrlosigkeit und des Ausgeliefertseins steigen in ihm auf – dann klettert er aus dem Bus, bummelt durch den Souvenirladen oder bestellt sich im Restaurant „El Diablo“ ein halbes Hähnchen, das auf einem Grillrost über einem Kamin mit vulkanischer Hitze aus der Tiefe gegart wurde.

„El Diablo“, der Teufel. So heißt das Restaurant und es wurde direkt auf einen Vulkankegel gebaut. Vor den Fenstern steigt die Gluthitze aus dem Boden. Das krümelige Basaltgranulat zu unseren Füßen ist überraschend warm. Ein Guide ermuntert uns, es mit den Händen zu greifen. Mit einer Forke, die für den nötigen Sicherheitsabstand sorgt, werden Heuballen über ein Erdloch gehalten und gehen unmittelbar in lodernde Flammen auf. Besonders spektakulär: In ein in die Erde gelassenes Stahlrohr wird Wasser gegossen, das, nach kurzem Fall, auf eine Umgebungstemperatur von über 400 °C trifft und explosionsartig verdampft. Eine Fontäne aus Wasserdampf schießt in die Höhe und lässt die Zuschauer ehrfurchtsvoll einen Schritt zurückweichen. Wir schauen uns diese Attraktion mehrfach an und machen uns dann auf den Weg zum Nationalparkzentrum.

Das Nationalparkzentrum liegt kurz vor dem Dorf Mancha Blanca in Sichtweite des Vulkans Caldera Blanca. Es ist in die meterdicke Schicht erstarrter Schlacke hineingebaut. Die weißen Mauern und das schwarze Gestein grenzen unmittelbar aneinander. Hölzerne Stege führen auf das Lavafeld und wir können uns anschauen, wie auf dem tot wirkenden Areal zaghaft die ersten Moose und Farne das Leben zurückbringen. Im Gebäude gibt es eine spannende Ausstellung über den Vulkanismus im Allgemeinen und auf Lanzarote im Besonderen. Ihr Höhepunkt ist die Simulation eines Vulkanausbruchs. Die einzelnen Phasen einer Eruption werden in einem präparierten Raum am Modell erlebbar gemacht – mit Lichteffekten, Geräuschen und bebendem Boden. Als wir dazukommen, beginnt die Multimedia-Show gerade in ihrer französischen Variante, doch das Grollen des Berges, das Brodeln im Krater und das Fließen der Lava bedürfen keiner Sprache, um verständlich zu sein.

Wir haben faszinierende Stunden bei den Vulkanen verlebt. Wer Lanzarote besucht, sollte sich diesen Ausflug nicht entgehen lassen. Wieder zurück bei den Palmen und Stränden an der Urlaubsküste, schaut nach einem Besuch am Kraterrand vermutlich jeder anders als zuvor zu den allzeit sichtbaren Feuerbergen in der Ferne hinüber. Sagen wir: respektvoller.

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