Heringsdorf: Promenadenkonzert inklusive

Hier sind wir: Im Ostseebad Heringsdorf auf der Insel Usedom, erreichbar über Anklam (B110) oder Wolgast (B111). Land Mecklenburg-Vorpommern.

Das gibt es zu sehen: Heringsdorf gehört zu den „Kaiserbädern“, in denen sich seit dem 19. Jahrhundert die typische Bäderarchitektur entwickelt hat. Die gemeinsame Strandpromenade der Ostseebäder ist 12 Kilometer lang. Die Insel Usedom ist durch das Stettiner Haff und den Peenestrom vom Festland getrennt und zählt zu den sonnenreichsten Regionen Deutschlands.

Zeitstempel: Mai 2008

Bei unserem ersten Erkundungsgang durch Heringsdorf sammeln sich die Jagdhornbläser. Ihre Instrumente griffbereit unter den Arm geklemmt und weidmännisch uniformiert, drängen sie sich in die Konzertmuschel. Die Bänke davor füllen sich mit meist betagten Kurgästen, die in Erwartung eines Kulturprogramms der kalten Brise trotzen. Am Rand einige barock kostümierte Reiter. Als die Waldhörner über den Platz schallen, beginnen die Pferde nervös mit den Hufen zu schlagen. “Holzwirtschaft ist Naturschutz”, steht auf einem großen Transparent. Nach kurzem Applaus beginnen erst einmal die Ansprachen. Der offizielle Teil der Vorstellung hält uns nicht, wir gehen zur Seebrücke hinüber.

Der Windfang, eine gläserne Wand, die den Steg in der Mitte trennt, soll gegen Wind und Regen schützen. Jetzt dämpft er die einsetzende Blasmusik der Jagdfreunde. Der moderne Bau am Ende der Seebrücke, natürlich ein Restaurant, sieht wie eine fernöstliche Kopfbedeckung aus. Auch nah besehen erinnert er an ein Hütchen, noch mehr, als in der Dämmerung seine Krempe von Lämpchen nachgezeichnet wird. Das letzte Fährschiff des Tages legt ab und steuert auf Ahlbeck zu. Derweil veranstalten die Forstleute am Strand ein Pferdeballett.

Zum Frühstück im Hotel am nächsten Morgen sind die Bläser wieder da. Am Buffet erkennen wir sie noch nicht. Erst als sie Aufstellung nehmen, um einem Geburtstagskind in ihren Reihen ein Ständchen zu schmettern, sind wir im Bilde. Die Gläser auf dem Tisch erzittern und wir sind hellwach.

Wir spazieren den Strand entlang. Der Wind schläft noch, die Sonne blendet von einem makellos blauen Himmel herab. Die Zahl der Wanderer, Sportler, Flaneure und Sonnenblinzler wächst von Minute zu Minute. Eine Möwe hat ihre liebe Not, sich ihrer Beute zu widmen. Immer wieder gestört, klemmt sie sich den toten Fisch in den Schnabel. Aufflattern, zwischenlanden, aufschrecken, weiterziehen. Und dann das Ganze von vorn. Es ist einfach nirgendwo ein ruhiges Fleckchen für sie zu finden.

Die Badeorte auf Usedom heißen Kaiserbäder. Zwischen Heringsdorf und Ahlbeck reihen sich aufgeputzte Villen und Hotels aneinander. So viel zur Schau gestellter Wohlstand, all die idyllisch-protzige Exklusivität – unbescheidene Fingerzeige auf den einstigen und in frischen Farben wiedererlangten, neu in Besitz genommenen alten Glanz. Nur hin und wieder flegeln sich noch Reste der Arbeiter- und Bauern-Ferienkultur mit eingeschlagenen Scheiben und bröckelnden Fassaden dazwischen.

Die Strandkörbe werden in den Sonnenlauf gerückt, die Jacken abgeworfen. Auch wir erliegen der Verlockung, lassen das Wasser unsere Füße umspielen. Doch die Ostsee ist noch nicht auf Spiele aus. Sie schnappt mit eisigen Zähnen zu und wir beißen unsere erst einmal zusammen, bis wir uns an die Kälte gewöhnt haben. Die Wassertemperatur betrage höchstens sieben Grad, hören wir es munkeln.

Ein kleiner Junge lässt uns glauben, es wäre bereits August. Splitternackt läuft er die gut zwanzig Meter zwischen dem Strandkorb seiner Eltern und der Wasserlinie hin und her, schwenkt seinen Buddeleimer, kniet sich in den durchtränkten Sand. Um ihn herum Spaziergänger in langen Hosen und dicken Jacken. Er bemerkt, dass wir über ihn staunen und darüber reden, ihm schon vor geraumer Zeit so emsig und nackt begegnet zu sein. “Ich sammle nur Muscheln”, rechtfertigt er sich, hält uns zum Beweis sein Eimerchen hin und macht sich von dannen. Wir schauen ihm nach und sehen den Sand von seinem Hintern rieseln.

Auf der Seebrücke und am Strand darunter bleiben Schaulustige stehen. Noch einmal nackte Tatsachen: Zwei junge Männer haben sich ihrer Kleider entledigt und machen sich auf, ein Bad zu nehmen. Zunächst in der Menge. Hier präsentieren sie ihre frisch enthaarten Körper. Dass sie Spaß daran haben, sich zu zeigen, dafür spricht die Wahl des Ortes direkt neben der Seebrücke. Dann geht es ins Wasser. Ganz langsam, tastend, mit kleinen Schritten überwinden sie den flachen Strand, werfen sich dann einmal in die eisigen Wellen, hasten zum Ufer zurück, werfen ihre Schrumpfkörper in Handtücher. Unter Kopfschütteln zerstreut sich die Menge, aber eben erst dann.

Abends ist Strandparty. Auch sie haben wir offensichtlich den Waldleuten zu verdanken. Die Seitenwand eines Anhängers wird aufgeklappt und fertig ist die Bühne. Ein fröhliches Repertoire aus Gassenhauern und Stimmungsliedern heizt den Gästen ein. Feuerkörbe knistern. Spanferkel und Bratwürste duften. Am Bierwagen herrscht Gedränge. Die Lichter des Festes spiegeln sich auf der träge ans Ufer züngelnden Ostsee. Schiffe blinken in der Ferne. Tanzpaare drängeln sich vor dem Bühnenwagen. Die Gäste auf den Bänken singen und schunkeln mit. Schnell sind wir eingefangen und schwingen unsere mit Rum gedopten Cola-Becher in der Luft. Ein schöner, gemütlicher, fröhlicher Abend, versichern wir uns gegenseitig, nachdem die letzten Zugaben endgültig verklungen und wir noch einmal die Seebrücke abgeschritten sind.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s