Schwäbische Alb: Märchenschloss Lichtenstein

Hier sind wir: Am Albtrauf, hoch über dem Dorf Honau im Flusstal der Echaz. Zu erreichen von Reutlingen aus über die B313 und L230.
Land Baden-Württemberg.

Das gibt es zu sehen: Ein Märchenschloss im Stil des romantischen Historismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Schloss idealisiert Mittelalter und Ritterzeit und wurde vom Roman „Lichtenstein“ von Wilhelm Hauff inspiriert.

Zeitstempel: November 2010

Das Echaztal, gleich hinter Reutlingen, hat steile Flanken. Und gerade da, wo der Einschnitt in die Schwäbische Alb sich am schroffsten bricht, steht hoch oben ein Schloss mit weißem Turm auf einem Felsen und scheint über dem Abgrund zu schweben. Munterer Herbstwind und schnell treibende Wolken begrüßen uns am Schloss Lichtenstein und klare Luft sorgt für einen spektakulären Weitblick. Auf dem Berg sind wir rund 800 Meter über dem Meeresspiegel und in der Ferne ist sogar Stuttgart zu sehen.

Das Schloss ist einer Ritterburg nachempfunden. Es wurde zur Zeit der Romantik errichtet, als das Mittelalter mit Legenden, Heldentaten und Ritterkämpfen zur guten alten Zeit verklärt wurde. Wilhelm Hauff, heißt es, habe mit seinem Roman „Lichtenstein“ an die Geschichte dieses Ortes erinnert. Bereits da waren von der alten Burg an dieser Stelle nur noch Fundamente zu finden. Sie genügten als Inspiration und Wilhelm Graf von Württemberg machte sich daran, auf dem Felsen ein neugotisches Märchenschloss bauen zu lassen. Dabei wurde alles aufgegriffen, was Mitte des 19. Jahrhunderts an romantischen Vorstellungen über die Ritterzeit verbreitet war. Auch die später ergänzten Burganlagen hatten sich eher an ästhetischen als funktionellen Vorgaben zu orientieren. Diese Bastionen dienten nie dazu, Feinde abzuwehren, sie wurden schon zum Flanieren geplant. Bis heute zieht das Ensemble den Besucher sofort in seinen Bann, denn bis hin zu Park und Figurenschmuck ist alles prachtvoll, imposant, harmonisch – eben märchenhaft. Eine filmreife Illusion, die die Fantasie beflügelt.

Eine hölzerne Brücke führt vom Burghof zum Schlosstor hinüber. Die Mauern erheben sich direkt auf dem Felskragen, sind bis an den Abgrund gebaut. Wir schließen uns einer Führung an, die sich gerade im kleinen Burghof sammelt. In der Waffenhalle ragt der nackte Felsen bis in den Raum, die kleine Schlosskapelle beeindruckt uns mit goldenem Sternenhimmel an der Decke und Glasmalereien an den Fenstern. Die Trinkstube, so vermittelt sich glaubhaft, heißt nicht nur so, sie wurde auch für diesen Zweck genutzt. Denn das Schloss war nicht nur dafür gedacht, Sammlungen aufzunehmen, es wurde auch genutzt und bewohnt. Wir lassen uns erzählen, welche Funktion die fröhlichen Herrengelage dem kleinen Balkon zugedachten, was es mit der überdimensionalen Sektflöte auf sich hat und entziffern die derben Trinksprüche an den Wänden.

Königszimmer, Wappensaal, Rittersaal – der Rundgang führt durch reich bemalte und üppig ausgestattete Räume und endet im Treppenhaus vor dem Bild mit dem Schützen von Lichtenstein, der mit seiner Armbrust den Betrachter unentrinnbar anvisiert. Ein beeindruckender visueller Effekt.

Neben der Besichtigung des Schlosses und der Burganlage lohnt auch ein Abstecher zu den Ruinen der alten Burg Lichtenstein. Sie wurde im 14. Jahrhundert im Schwäbischen Städtekrieg von den Reutlingern zerstört und danach aufgegeben. Nur noch wenige Mauerreste sind zu sehen, bieten aber eine gute Gelegenheit, die romantischen Gedanken an das Mittelalter etwas zu relativieren. Hier wurde verwüstet, gefochten, gemordet – und den ewigen Ruhm der heldenhaften Streiter hat die Zeit hinweggefegt wie der Wind das Herbstlaub.

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